baukurier — das Magazin der Witschi AG

Die Fürsorgliche

Judith Zumstein-Witschi, 88, Tochter von Firmengründer Friedrich Witschi

Ihr jüngster Bruder, Andreas Witschi, übernahm 1987, nach dem Tod des Vaters, die Geschicke der Friedrich Witschi AG. Völlig unerwartet verstarb Andreas jedoch bloss fünf Jahre nach der Firmenübernahme. Ihr zweiter Bruder, Fritz, das mittlere Kind von Friedrich und Luise Witschi-Hutzli, war bereits 1959 bei einem Badeunfall auf der Maturreise in Spanien verstorben. Somit ist Judith Zumstein-Witschi heute das letzte noch lebende Kind des Firmengründers, der am 1. Februar 1947 mit der Übernahme eines bereits bestehenden Langenthaler Kleingeschäfts die Erfolgsgeschichte der Firma Witschi eingeleitet hatte.

Judith Zumstein-Witschi, eine aufgestellte und liebevolle Persönlichkeit, mag sich noch bestens an die Anfangszeiten der Firma erinnern. Ihre lebhaften Erzählungen sowie auch die Tagebucheinträge ihrer Mutter Luise lassen vermuten, dass die Startphase der Baufirma, nach der Übernahme des einfachen Brunnenmacher- und Pflästerergeschäfts von Fritz Dennler, eine sehr, sehr schwierige war. «Es folgt eine harte Zeit! Der monatliche Lohn fällt aus. Einnahmen sind noch keine zu erwarten. Es braucht eine Anlaufzeit», heisst es im Tagebuch der Mutter.

«Mein Vater war von Anfang an ein engagierter Unternehmer, ein Macher», erinnert sich Judith. Einer, der – weil die Firma damals noch keine Fahrzeuge hatte – mit dem Velo von Baustelle zu Baustelle fuhr. Manchmal, gegen Feierabend, wartete sie als Kind unten an der Allmengasse auf ihren Vater und freute sich darüber, wenn dieser endlich mit dem Velo auftauchte. «Er nahm mich auf die Lenkstange. So sind wir dann das letzte Stück zusammen nach Hause gefahren», weiss die heute 88-Jährige. Das Privathaus im Allmen diente damals gleichzeitig auch als Büro. Während der Bürostunden der Mutter musste die damals 11-jährige Judith oft auf die kleinen, lebhaften Brüder aufpassen, die dies nach Lausbubenart ausnutzten und mit besonders lautem Geschrei und Zank die Mutter bei der Arbeit störten. Judith musste auch sämtliche Post austragen. Aus Kostengründen – um Porto zu sparen. Innert bloss acht Monaten nach der Übernahme war der kleine Betrieb auf 18 Mitarbeiter angewachsen. Tagebucheintrag der Mutter: «1. September 1947, 18 Zahltagstäschli (für 14 Tage), Fr. 3'595.30.»

Erst ein paar Jahre später, 1953, folgte der Umzug ins Geschäftshaus an der Herzogstrasse, wo heute nach wie vor zwei rötliche Kreise aus Beton sowie ein Betonbänkli auf eine jahrzehntelange Verbindung der Liegenschaft mit der Firma Witschi hinweisen.

Um 1957, nach zirka zehnjährigem Firmenbestehen, wurde die Tochter des Gründers mit gerade mal 21-jährig in die Baufirma geholt. Man war auf ihre tatkräftige Unterstützung angewiesen. «Ich habe diese Entwicklung nicht hinterfragt – es war einfach eine andere Zeit damals, ich hätte es nicht gewagt, meinem Vater zu widersprechen», sagt Judith. Also kehrte die junge Erwachsene, die gerade in einem Auslandaufenthalt in England war, Ende der 1950er-Jahre zurück in die Schweiz, nach Langenthal.

Hier wurden ihre Dienste benötigt, denn die Einzelfirma Friedrich Witschi beschäftigte zu dieser Zeit mehrere Gastarbeiter aus Italien (Lecce). Judith sprach fliessend Italienisch und liebte diese Kultur. Sie hatte sich in der Töchterhandelsschule der Stadt Bern fundierte Sprachkenntnisse angeeignet und eineinhalb Jahre in der Schokoladenfabrik Stella in Lugano gearbeitet. In der Liegenschaft an der Allmengasse 15, wo heute das Ärztehaus betrieben wird, wurden die Saisonniers einquartiert.

Zwei weitere alte Gebäude in Langenthal wurden, als dann die ersten Spanier eintrafen, eingerichtet. Judith war in dieser Zeit nicht nur für die Häuser zuständig. Hatte ein Fremdarbeiter Zahnweh, begleitete sie ihn zum Zahnarzt. Kam ein Baby zur Welt (die Arbeiter holten mit der Zeit ihre Familien in die Schweiz), organisierte sie ein Bettchen. Gab es irgendwo Streit, musste sie schlichten. Und auch für das Wechseln der Bettwäsche war sie verantwortlich. Gewaschen wurde diese im Elternhaus an der Allmengasse. Bei der Ankunft der ersten Spanier meldeten sich diese im Geschäftshaus an der Herzogstrasse an und sagten, sie benötigten 500 Franken fürs Taxi. «Ich dachte, ich höre nicht recht. 500 Stutz für eine Taxifahrt vom Bahnhof an die Herzogstrasse?! Wie sich herausstellte, waren die Spanier mit dem Taxi die ganze Strecke von Madrid bis nach Langenthal gefahren», gibt Judith eine weitere witzige Anekdote zum Besten.

Apropos witzig: «Wir wollen hier in der Schweiz nicht sterben!». An diese Aussage erinnert sich Judith nach wie vor sehr lebhaft. Gemeint ist die allgemeine Reaktion der Saisonarbeiter auf die damaligen Schweizer Mahlzeiten. «Ganz zu Beginn wurden sie im Restaurant Rössli verköstigt. Nach dem Essen hatten sie Bauchschmerzen, weil sie sich unsere Küche einfach nicht gewohnt waren», erzählt Judith. «Sie wollten ihr eigenes Essen kochen – vor allem aber wollten sie Olivenöl statt Fett verwenden.» Also wurden in den Arbeiter-Unterkünften Küchen mit Gas-Rechauds eingerichtet. «Alles recht provisorisch und überhaupt nichts Grossartiges, aber die Mitarbeiter waren schliesslich zufrieden – sie mussten wegen unseres Essens doch nicht sterben», lacht die 88-Jährige.

Die zweite wichtige Aufgabe, die in dieser Zeit auf sie zukam, war das Vorbereiten der Lohntüten und die damit zusammenhängenden Abrechnungen. Mit einer Madas-Rechnungsmaschine wurden die 14-täglichen Arbeitsstunden der Bauarbeiter mit deren Lohnansätzen multipliziert. Das Resultat wurde in eine Schreibmaschine mit Durchschreibesystem getippt. Danach wurden Banknoten und Münzen auf dem Schreibtisch gestapelt und in die Täschli abgefüllt. Wehe, wenn zuletzt etwas nicht «aufging»!

1963 kam schliesslich das erste Kind von Judith zur Welt. Sie erinnert sich an eine weitere kleine Geschichte – beim Erzählen muss sie lachen: Sie, hochschwanger im Büro an der Herzogstrasse. Die unmittelbar bevorstehende Niederkunft ist ihr deutlich anzusehen. Als sie das Büros verlässt, sagt ein Mitarbeiter ganz trocken zu ihr: «Adieu mitenang!».

Später, als ihre Kinder grösser waren, konnte und wollte Judith in der Familienfirma nicht mehr Fuss fassen. Sie fand anderswo Arbeit und war zufrieden damit. Nach dem Tode ihres Bruders Andreas nahm sie noch im Verwaltungsrat des Familienunternehmens Einsitz. Emotional ist sie mit der Firma Witschi bis heute verbunden, das spürt man.

Den Beruf der Fürsorgerin hätte sie als junge Erwachsene zwar gerne noch erlernt, doch daraus ist leider nichts mehr geworden. Ihre Berufung als fürsorgliche, hingebungsvolle Frau hat sie dennoch gefunden. Damals schon als umsichtige Betreuerin der Saisonniers von Witschi, dann als wertgeschätzte Kollegin, später, im Pensionsalter, als Betreuerin der Grosskinder (zwei Mädchen und ein Junge) – und heute schliesslich als alte Frau im Familien- und Freundeskreis.
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Text: Patrick Jordi
Bild: Martina Flury Witschi

 

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